„Dafür sorgen, dass niemand zu kurz kommt.“
Vier Fragen an Bundestagsabgeordneten Lars Castellucci

Quelle: privat - eingebettet von www.ekiba.de
Lars Castellucci: Ich war vor einiger Zeit in einem Gottesdienst. Der Pfarrer begrüßte die Gemeinde: “Haben Sie gehört?” Und tatsächlich konnte man etwas hören. Die Mikrofonanlage war mit Hilfe von Spendengeldern erneuert worden. Auch mit einem Hörgerät klappte nun alles ohne Probleme. Und noch etwas war zu hören gewesen: Anstelle der Orgel hatte ein Cembalo zur Eröffnung geklungen. Wiederum eine Anschaffung, die mit Spenden möglich geworden war und einen unglaublichen Klang im Kirchenraum entfaltete. Ich bin sicher: Wenn in dieser Zeit auch noch die Glocken ihren Geist aufgegeben hätten, wäre auch da Ersatz möglich gemacht worden. Der Sonntag war außerdem Erntedankgottesdienst, der Altar war reich geschmückt. Die Botschaft: Es ist für alle genug da. In diesem Geist mache ich auch Politik. Ja, viele haben gerade Existenzängste. Viele kommen ohnehin kaum über die Runden. Ihnen hilft man aber nicht, wenn man die Elenden in ihrem Elend belässt, sondern indem wir uns auch für sie einsetzen. Dazu sind wir alle aufgerufen.
Was haben Sie bei Ihrem Besuch auf Lesbos im Februar diesen Jahres erlebt? Und was wissen Sie über die aktuelle Situation dort?
Lars Castellucci: Mytilene, die Hauptstadt der Insel, ist etwa so groß wie Schwetzingen. Neben dran liegt das Lager Moria, ebenfalls fast so groß wie Schwetzingen. Ich war alleine dort, ohne Einladung, ohne offizielles Programm und bin einfach durch den Zaun gestiegen. Ich habe alles gesehen. Auf engstem, vermülltem Raum, leben etwa 20.000 Menschen unter völlig unwürdigen Bedingungen, ohne Strom, Licht, medizinische Versorgung, ein Drittel davon Kinder. Vor allem die Kinder machen mir zu schaffen. Ein kleiner Junge kam den Abhang herunter gerannt und rief “Hello, my friend”. Ich bin gegangen in der festen Absicht, alles in Bewegung zu setzen, für diesen, meinen kleinen Freund etwas zu erreichen. Seitdem ist fast alles nur schlechter geworden. Die Stimmung auf der Insel kippt. Jetzt noch die Sorge vor Corona. Doch unsere Bemühungen für eine europäische Koalition haben Erfolg gehabt. So konnten vergangene Woche die ersten Kinder ausgeflogen werden. Ein Anfang.
Wie kann aus Ihrer Perspektive als vom christlichen Glauben geprägter Politiker eine realistische wie ethisch verantwortbare Politik aussehen?
Lars Castellucci: Sie adressiert die Ursachen der Flucht. Sie hilft, wo Hilfe möglich und nötig ist. Und sie sorgt dafür, dass niemand zu kurz kommt. In der Bibel gibt es ein Fest, als das verlorene Schaf zur Herde zurückfindet. Keine Eifersucht, kein Neid, keiner der sich zurückgesetzt fühlt. Das funktioniert, weil der gute Hirte allen seine Liebe zuspricht. Politisch heißt das “Politik für alle”. Niemanden aufgeben, kein Unrecht dulden, für Gerechtigkeit kämpfen. Damit wird man, anders als in der Bibel, immer wieder scheitern. Und muss gerade deshalb immer wieder von neuem beginnen.
Was trägt und tröstet sie selbst in der Zeit der Corona-Krise?
Lars Castellucci: Die Worte “Fürchtet Euch nicht.” Unser Glaube ist ein Glaube der Hoffnung und des Ansporns, für diese Hoffnung auch tätig zu sein.
Die Fragen stellte Pfarrer Steffen Groß, Schwetzingen
