„Wo wir besonders hinsehen müssen...“ - Landesbischöfin Heike Springhart hält Bericht zur Lage
- 16.04.2024 -
Karlsruhe/Bad Herrenalb, (16.04.2024). In der ersten öffentlichen Plenarsitzung der Frühjahrstagung der badischen Landessynode in Bad Herrenalb berichtete Landesbischöfin Heike Springhart zur aktuellen Lage. In ihrem Bericht „Rechenschaft von der Hoffnung, die in uns ist“ nahm sie Stellung zur Situation im Nahen Osten. Sie ging auf die Konsequenzen aus der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung und der Studie „Jugend zählt 2“ ein, auf die Zukunftsprozesse der Landeskirche sowie auf die Ergebnisse aus der ForuM-Studie.
Quelle: ekiba / Ulli Naefken - eingebettet von www.ekiba.de
„Seit dem 7. Oktober des letzten Jahres ist ein friedliches Miteinander in Israel und Palästina ferner denn je gerückt“, stellte Springhart fest. „Nach den unsäglichen Massakern der Hamas am 7. und 8. Oktober in Israel, dem nun schon fast ein halbes Jahr andauernden Krieg in der Region und der humanitären Katastrophe im Gaza-Streifen, angesichts der immer noch von der Hamas festgehaltenen Geiseln und der immer wieder neu eskalierenden Gewalt auch im Westjordanland, steigt die Ratlosigkeit, wie hier Frieden werden soll. Die Lage hat am vergangenen Wochenende in der Nacht auf den 14. April eine weitere Eskalation erfahren.“
Angesichts der Bedrohungslage sei das Schweigen der Waffen weit in die Ferne gerückt, „das Dröhnen der Kriegsmaschinerie hat kein Ende. Neben allen politischen Bemühungen müssen gerade jetzt die Stimmen derer, die für die Opfer auf allen Seiten beten, gestärkt werden.“
Auch, dass jüdische Gemeinden in Deutschland seit Anfang Oktober noch größeren Gefahren ausgesetzt seien, dass antisemitische Parolen auf unseren Straßen wieder laut werden, sei unerträglich, sagte die Landesbischöfin und betonte: „Wir stehen an der Seite der jüdischen Gemeinden“. Die gleichzeitig wachsende Muslimfeindlichkeit und einen Generalverdacht gegen muslimische Menschen sehe sie ebenfalls mit Sorge.
Für Demokratie und Menschenrechte
Weiter erteilte die Landesbischöfin „Hass und Hetze, rechtsextremistischem Gedankengut und menschenverachtenden Reden“ in der Kirche eine klare Absage: „Der Ton wird rauer an den Rathaustischen, in den Parlamenten und bei dem, was uns allen tagtäglich in die E-Mailfächer rauscht - auch in den kirchlichen Debatten. Die demokratischen Kräfte und das parlamentarische Gleichgewicht geraten in Europa immer mehr unter Druck.“
Sie betonte: „Menschenverachtende Fantasien, die unter dem Etikett ,Remigration‘ die Multikulturalität unserer Gesellschaft in Frage stellen, dürfen bei uns keinen Nährboden haben. In der Bandbreite der Motivlagen, aus denen heraus Menschen geneigt sind, die AfD zu wählen, müssen wir alles daransetzen, diese für die demokratische Mitte zurückzugewinnen und dabei niemanden verloren zu geben…. Mit Blick auf die Kommunal- und Europawahlen rufen wir alle dazu auf, ihr Kreuz im demokratischen Spektrum zu setzen.“
Die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung
Hinsichtlich der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung aus dem Jahr 2022 rief Springhart dazu auf, den Blick zu schärfen, „wo wir wirksam werden können“: „Von einer Minderheitenkirche sind wir im Südwesten noch weit entfernt. Dennoch zielen unsere Transformationsprozesse darauf, uns so aufzustellen, dass wir auch in einer Situation mit weniger Mitgliedern oder gar in einer Minderheitensituation nicht minder strahlkräftig und glaubwürdig das Evangelium unter die Leute und Menschen in Kontakt mit der befreienden Botschaft von Gottes Gnade und mit der Kirche bringen.“
Die ForuM-Studie und die Folgen
Auch auf die Ergebnisse der ForuM-Studie, die sexualisierte Gewalt und andere Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland aufgearbeitet hat, ging die Landesbischöfin ein. Sie mahnte zu Sensibilität, Selbstkritik und schonungslose Ehrlichkeit bei diesem Thema:
„Wir müssen die strukturellen Bedingungen für Prävention, Intervention und Aufarbeitung selbstkritisch unter die Lupe nehmen. Prävention und die flächendeckende Erarbeitung von Schutzkonzepten sind wesentlicher Bestandteil des Kulturwandels hin zu reflektierter Nähe, zu Aufmerksamkeit und einem Klima und einer Kultur, in der Täter gestoppt und Taten verhindert werden. Dafür braucht es auch die Ausstattung mit finanziellen und personellen Ressourcen, damit diese Aufgabe verantwortlich wahrgenommen werden kann. Um der betroffenen Menschen und um unserer Glaubwürdigkeit als Kirche willen müssen wir alles daran setzen, dass Aufarbeitung, Prävention und Intervention gelingen.“
Aufbrüche und Innovation
Abschließend richtete die Landesbischöfin den Blick auf die Zukunftsprozesse der Landeskirche. „Die Bezirke haben wesentliche Entscheidungen getroffen, Kooperationsräume sind gebildet – und ob das alles trägt und funktioniert, ob die Strukturen und die Regelungen einer kraftvollen und strahlenden Kirche dienen – das werden wir uns immer wieder fragen müssen.“ Nicht alles, was Tradition sei, müsse weg – und nicht alles sei verheißungsvoll, nur weil es neu ist. „Aber wir brauchen mehr Mut zu echten Innovationen. Nicht nur als Orchideen, sondern als aufblühende und sich ausbreitende Gänseblümchen, die nach und nach eine Wiese strahlend weiß machen.“