Evangelische Landeskirche schafft drei neue Stellen zum Schutz vor sexualisierter Gewalt
- 18.04.2024 -
Intensives Podiumsgespräch zur ForuM-Studie auf der Landessynode
Karlsruhe/Bad Herrenalb, (18.04.2024). Im Rahmen ihrer Landessynode veranstaltete die Evangelische Landeskirche in Baden am Mittwochabend, 17. April, im Haus der Kirche in Bad Herrenalb ein Podiumsgespräch zu den Ergebnissen der ForuM-Studie zur sexualisierten Gewalt in der Evangelischen Kirche und Diakonie. Am Mittag zuvor hatte der Landeskirchenrat beschlossen, drei neue Stellen für den Bereich zum Schutz vor sexualisierter Gewalt zu schaffen.
Es war ein intensiver Austausch, den die badische Landesbischöfin Heike Springhart, die Kirchenpräsidentin der Pfalz, Dorothee Wüst, Nancy Janz vom Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt der EKD, Urs Keller als Vorstandsvorsitzender der Diakonie Baden und Bernd Lange (Stabsstelle Schutz vor Sexualisierter Gewalt der Evangelischen Landeskirche in Baden) am Mittwoch gemeinsam mit den Synodalen im Laufe des knapp zweistündigen Abends erlebten. Dabei waren die Richtungen, aus denen sich die Gesprächsteilnehmer dem Thema unter der Moderation von Juliane Langer näherten, vielschichtig und die Sichtweisen bei den einzelnen Punkten unterschiedlich. Während Nancy Janz als Sprecherin der Betroffenenvertretung gar nicht mal so sehr die Ergebnisse der Studie schockiert hätten, sondern eher der Umgang und die Reaktionen aus den kirchlichen Kreisen, berichtete Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst von ihren ambivalenten, innerkirchlichen Erfahrungen. Da habe es einerseits Kolleginnen und Kollegen gegeben, für die eine Welt zusammengebrochen sei. Andererseits habe es immer noch die Reaktion gegeben: Das betrifft uns nicht.
Zum Thema Aktenrecherche, das nach der Veröffentlichung der Studie zu Kritik geführt hatte, war es der Landesbischöfin Heike Springhart wichtig zu betonen, „dass das Studiendesign nach und nach angepasst wurde und dass zu keinem Zeitpunkt Akten von irgendeiner Landeskirche angefordert wurden, sondern dass die Landeskirchen aufgefordert waren, Fragebögen auszufüllen und da gab es Verzögerungen bei einzelnen Landeskirchen“.
Gesprochen wurde auch darüber, was sich verändert hat seit der Veröffentlichung der Studie. Es gebe laut Heike Springhart die Beobachtung, dass sich Menschen nun vermehrt melden. Diakonie-Geschäftsführer Urs Keller unterstrich dies mit einer Zahl. Im Jahr 2023 habe es zwei Meldungen gegeben. „Jetzt haben wir schon zwölf.“
Über die praktische Vorgehensweise, wenn sich Betroffene beispielsweise über das Vertrauenstelefon der Landeskirche melden, berichtete Bernd Lange. „Das geschieht immer in Absprache mit den Betroffenen.“ Das betreffe letztendlich auch die Entscheidung, ob beispielsweise bei zurückliegenden Fällen ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wird. Ein ähnliches Vorgehen gelte für die pfälzische Landeskirche, die laut Wüst bemüht sei, ein Verfahren zu entwickeln, in der Betroffene bestmöglich begleitet werden, „aber dabei stets Herr des Verfahrens“ bleiben. „In Baden haben wir im letzten Jahr beschlossen, dass es Fürsorgeleistungen gibt für Menschen, die in ein Verfahren gehen und die sich für die Begleitung anwaltlicher Art entscheiden. Wir gehen als Landeskirche auch in die Verantwortung dafür, dass so eine Begleitung auch finanziert werden kann“, sagte Heike Springhart.
Blieb am Ende noch der Blick auf die weiteren Konsequenzen und die Notwendigkeiten, die sich aus der Studie ergeben. „Ich glaube, es gehört zu den evangelischen Spezifika, dass wir nicht unterscheiden zwischen den nicht vorhandenen Machtunterschieden im Blick auf die Situation vor Gott und den de facto existierenden Asymmetrien auch in einer Seelsorgekonstellation. Selbst wenn es kein hierarchisches Verhältnis gibt, gibt es durch die Rollensituation eine Machtasymmetrie. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir Evangelischen ein Problem damit haben, uns diese Macht zuzugestehen und damit auch verantwortlich mit ihr umzugehen.“ Mit einem persönlichen Appell beendete schließlich die Betroffenensprecherin Nancy Janz den Abend: „Ich wünsche mir von der Kirche, dass sie berührbar ist.“
Info
Die Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden tagt noch bis kommenden Samstag, 20. April, im Haus der Kirche in Bad Herrenalb: www.ekiba.de/landessynode/fruehjahrstagung2024

